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► zu meiner Schulkolumne in der ZEIT

 

Der Mythos der Bildungsungleichheit ist falsch

Regelmäßig stößt man auf die These, das hiesige Bildungssystem benachteilige in besonderem Maße sozial schwache bzw. bildungsferne Schichten. Der Haken bei dieser Mutmaßung: Sie lässt jede Menge Fakten und Forschungsbefunde außer Acht. Der Soziologe Hartmut Esser stellt dazu einiges klar ... FAZ 24.10.2016

Kinder mit Migrationshintergrund sind nicht dümmer als Einheimische - im Gegenteil. Wenn sie die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen, sind sie oft besser als die Einheimischen. Gleichwohl gibt es Probleme: Der soziale Status der Migrantenfamilien ist meist gering, in der ersten Generation sind die Eltern kaum der Sprache des Aufnahmelandes mächtig. Hinzu kommen kulturelle Besonderheiten. Die Eltern beschäftigen sich zu wenig mit ihren Kindern, und dauerhafte Beziehungen in das Herkunftsland können den Prozess der Integration bremsen.

Es ist auch eine Mär, dass Migrantenkinder in Deutschland systematisch benachteiligt werden. Die Lehrer vergeben bei gleichen Leistungen gleiche Noten, ihre Übergangsempfehlungen sind sogar eher großzügiger als bei den Einheimischen. Und an Bildungsbeflissenheit fehlt es den Migrantenfamilien erst recht nicht. Wann immer möglich, ziehen sie, anders als die Einheimischen der unteren Schichten, den höheren Bildungsweg vor.

Auch das gegliederte Schulsystem selbst ist weitaus gerechter als sein Ruf. Ohnehin kann man es nicht etwa mit Kanada vergleichen - dieses Land sucht sich Migranten schließlich gezielt nach Qualifikation und Sprachkenntnissen aus. Darüber hinaus hat nun das aktuelle NEPS („National Educational Panel Study“) gezeigt, dass Bundesländer mit streng geregelter Differenzierung ihre Schüler leistungsgerechter verteilen, ohne dass dies Effekte der sozialen Herkunft verstärken würde. 

Ergänzung: Lehrerurteile sind beim Übergang aus der Grundschule am wenigsten sozialschichtspezifisch gefärbt, weitaus stärker wirken die im familiären Kontext erworbene Lerngewohnheiten sowie die elterlichen Bildungsaspirationen und Laufbahnentscheidungen. In der Sekundarstufe wird der soziale Gradient verstärkt durch den Mittelschichtscharakter der Bildungsinhalte sowie die schulische Unterstützung seitens der Eltern.
Mehr zu hinkenden Vergleichen mit anderen Ländern: hier (ab S. 17)

Direkte Instruktion - eine enorm lernwirksame Unterrichtsmethode

Jochen Grell (Autor des Longsellers "Unterrichtsrezepte") formuliert in "Pädagogik 1/2014" für alle Lehrkräfte eine "gedruckte Erlaubnis: Du darfst direkt unterrichten. Du darfst deinen Schülern etwas beibringen, je direkter, desto besser.! Du darfst die ganze Klasse auf einmal unterrichten. Die Schule ist ja erfunden worden, damit man nicht jede und jeden einzeln unterrichten muss. (...) Du musst nicht jeden Unsinn, der von Schülern kommt, begeistert loben. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Schüler belehren willst. Das Frontalunterricht-Tabu ist hiermit offiziell aufgehoben. Aber dass Direktes Unterrichten die einzig richtige Unterrichtsmethode ist und alle anderen nichts taugen, das habe ich nicht gesagt." FAZ 9.10.2014

Schreibfähigkeit von Grundschülern leidet unter zu lockerem Unterricht

Eine für Deutschland einzigartige Längsschnittstudie über 40 Jahre (Uni Siegen, Prof. Steinig) zeigt: Die Fähigkeit zu orthografisch und grammatikalisch normgerechter Schreibweise hat im Durchschnitt stark abgenommen, vor allem bei Kindern aus bildungsferneren Schichten. Gleichzeitig produzieren Kinder heute teilweise längere, differenziertere und lebendigere Texte, aber nur solche aus der Mittel- und Oberschicht. ZEIT 21/2013

Warum die Hattie-Studie so wichtig ist …

Weil sie den Lehrer als lenkende personale Instanz im Lernprozess rehabilitiert und ausdifferenziert. Als hoch lernwirksam haben sich Unterrichtsformen erwiesen, der abwechslungsreich und klar strukturiert geplant ist, der - bei gutem Klima - förderintensiv und störungsarm verläuft. Am wichtigsten sind nicht Offenheit und Eigenverantwortlichkeit, sondern der Grad an kognitiver Aktivierung bei den Schülern sowie die Intensität des individuellen Feedbacks durch den Lehrer. Schulorganisatorische Maßnahmen und Schulstrukturaspekte haben demgegenüber kaum Einfluss auf Lernerfolg. Mehr

Sitzenbleiben? Auf keinen Fall abschaffen …

Gewiss wurde bislang oft vorschnell zum Mittel der Nichtversetzung gegriffen - bei rechtzeitiger und geeigneter Förderung wäre eine „Ehrenrunde“ vielfach unnötig. Die aktuelle Debatte vermischt aber pädagogische und wirtschaftliche Aspekte. Tatsächlich kann die Schule nicht immer alle Defizite in kurzer Zeit aufarbeiten - bei diesen Kindern sollte der Gesellschaft ein weiteres Schuljahr nicht zu teuer sein. Außerdem strengt sich - zumindest in der Pubertät - mancher Schüler auch oder nur deswegen genug an, weil er das Sitzenbleiben vermeiden will. Bei anhaltender Überforderung kann sogar der (vorübergehende) Wechsel zu einer „niedrigeren“ Schulform die beste Entscheidung sein - für Selbstwertgefühl und Lernentwicklung, in einer labilen Phase.

"Lesen durch Schreiben" - ein Weg in die Rechtschreibkatastrophe?

Seit Jahren werden viele Schulanfänger "zunächst systematisch zu Rechtschreibanarchisten erzogen" (SPIEGEL 25/2013) - die entstandenen Fehlermengen lassen sich aber nur mühsam wieder reduzieren. Am stärksten betroffen sind Kinder aus bildungsfernen Schichten. Fehlerarme Orthografie ist aber kein Selbstzweck, sondern eine Schlüsselqualifikation - für sinnentnehmendes Lesen wie für zügiges Recherchieren. Zahlreiche Forscher fordern nun ein Verbot der "Reichen-Methode" und ihrer Derivate - schon jetzt bietet ein pensionierter Lehrer und Fachleiter besorgten Eltern auf grundschulservice.de eine Protestbriefvorlage an Schulleitungen ...

Tolle Schulen, prima Methode?

Wenn eine Schule mit einem Preis ausgezeichnet wird, wird das oft missverstanden. Kriterium bei der Preisvergabe sind in der Regel nicht Schulleistungserfolge (gemessen etwa durch zentrale Prüfungen oder Abschlussquoten), sondern reformpädagogische Organisationsprinzipien und Leitideen.
Wenn Studien einer neuen Unterrichtsmethode Erfolge attestieren, mag das durchaus zutreffen - an besagter Versuchsschule, mit besonders engagierten Lehrkräften. Der Befund sagt aber wenig aus über Nutzen und Effizienz der Methode im Alltag, mit „normalem“ Personal, unter durchschnittlichen Bedingungen.

Warum Ziffernnoten keineswegs des Teufels sind …

Ziffernnoten sind keine perfekte Form der Leistungsbeurteilung, aber eine gut verständliche - auch für Migrantenfamilien. Deshalb sind ja auch Schüler wie Eltern mehrheitlich gegen die Abschaffung von Zensuren. Allerdings bedürfen Ziffernnoten dringend der Ergänzung, durch mündliche Kommentierungen oder Lernentwicklungsberichte des Lehrers. Schüler sollten wirklich nicht nur erfahren, dass sie „im letzten Halbjahr in Mathe ausreichend“ waren, sondern auch, dass der Lehrer davon beeindruckt ist, wie sehr sie sich in diesem Fach angestrengt oder verbessert haben - und an welchen Schwachstellen sie in der nächsten Zeit (vielleicht sogar in den Ferien?) arbeiten sollten.

Warum zu viel Selbständigkeit beim Lernen ungünstig ist …

Man erlebt es tagtäglich: Je schwächer Schüler sind, desto mehr überfordert sie zu lange Eigenständigkeit. Aber auch für die andere birgt zu viel Selbständigkeit Risiken: Die Lernarbeit wird schnell oberflächlich, der Lernstand entwickelt sich scherenartig auseinander, in Gruppenphasen schiebt man die Arbeit gerne den Braveren zu, der soziale Verband der Klasse wird unnötig atomisiert. Selbständigkeit ist sicher ein wichtiges Bildungsziel - aber keineswegs der Königsweg dorthin.

Hausaufgaben - keine Strafe, sondern ein Glück ...

In regelmäßigen Abständen wird der Sinn von Hausaufgaben infragegestellt. Die dabei gerne zitierte "Studie" der TU Dresden ist jedoch nicht seriöser Lernwirksamkeitsforschung zuzurechnen, sondern lediglich eine nicht repräsentative Befragung einzelner Lehrkräfte. Der Hattie-Studie zufolge sind Hausaufgaben dagegen hoch lernwirksam (im Bereich von High Schools etwa mit einer Effektstärke von 0,64).
Hausaufgaben stellen eine der wenigen Möglichkeiten zu tatsächlicher selbständiger Arbeit dar. Sie sind dann besonders effizient, wenn sie sinnvoll auf den Unterricht bezogen, zeitlich überschaubar und mindestens zur Hälfte auch von schwächeren Schülern bewältigbar sind.

Was ist eigentlich in Finnland los?

Finnland hat kein gegliedertes Schulssystem, es gibt eine Einheitsschule. Sind die Finnen deshalb seit der ersten PISA-Studie Europameister? Die PISA-Forscher betonen, dass man keine kausalen Schlüsse aus einzelnen Rahmenbedingungen ziehen kann. Sonst könnten die Erfolge finnischer Schüler auch daran liegen, dass es dort kaum Migranten gibt. Oder dass vorwiegend frontal unterrichtet wird. Oder dass jede Schule über genügend Förderlehrer verfügt, für fachliche wie psychosoziale Belange. Oder dass finnische Jugendliche so viel lesen müssen - weil die meisten Spielfilme nicht finnisch synchronisiert sind. Oder dass das Lernen dort überhaupt hoch im Kurs steht.

Es gibt Voranzeichen für Amoktaten ...

Dass Amoktäter blindwütig, quasi aus heiterem Himmel handeln oder einer bestimmten sozialen Schicht angehören, ist ein Mythos. Alle untersuchten Amoktaten (Columbine, Erfurt, Emsdetten etc.) waren überlegt geplant, die Täter waren stets männlich und lebten sozial zurückgezogen, sie verfügten oft über Vernichtungstraining durch Killerspiele, und sie befanden sich in einer Situation, in der ihr Streben nach Anerkennung bzw. Zugehörigkeit langfristig gescheitert schien. Es gibt drei Stufen von Voranzeichen, die oft aber nur Gleichaltrigen („peers") bekannt werden: Zunächst eine intensive Beschäftigung mit anderen Gewalttätern und das Reden darüber; dann konkrete Vorbereitungshandlungen (z.B. Erstellen einer Todesliste); schließlich das Aussprechen von Warnungen gegenüber Vertrauten sowie Abschiedshandlungen (z.B. Verschenken persönlich bedeutsamer Gegenstände). Erfahrungen zeigen, dass geschulte Krisenteams in Schulen das Amokrisiko erheblich senken können: Indem sie auf potentielle Täter zugehen und ihnen dabei behilflich sind, eine krisenhafte Phase zu umschiffen.  dradio-Feature 2007

Von der DDR-Schule lernen?

"In der DDR wurde der Lehrer für das Versagen eines Schülers verantwortlich gemacht, da wagte es keiner, die Schuld auf die Dummheit des Schülers oder das sozial verwahrloste Elternhaus zu schieben. Es ging darum, jeden mitzunehmen. Und darum geht es in Sachsen auch heute. Auf die westdeutsche Kuschelpädagogik hat sich der Freistaat nie eingelassen. (...) Der Schulforscher Ernst Rösner hat bei vielen Lehrern in den neuen Bundesländern »eine Art egalitäre Grundeinstellung« festgestellt. »Für sie zählen die Kategorien des westdeutschen Bildungsbürgertums nicht. Das sind oft strenge, aber herzensgute Pädagogen, die an der Förderung jedes einzelnen Schülers interessiert sind.« Dass in Sachsen der Sohn eines Arbeiters ähnlich hohe Chancen auf gute Schulleistungen hat wie ein Akademikerkind und der schulische Erfolg im Vergleich mit den anderen Bundesländern am wenigsten an die soziale Herkunft gekoppelt ist – auch das ist vermutlich ein Verdienst seiner Lehrer." (ZEIT vom 20.11.2008)

Das Geheimrezept des neuen PISA-Siegers Sachsen "entpuppte sich als simple Mischung aus Tradition und Erneuerung. Die ostdeutschen Länder haben sich viel von dem bewahrt, was für die DDR-Schule einst typisch war. Das Prinzip Leistung gilt hier immer noch. Disziplin wird bewertet. Schwache Schüler bekommen die Hilfe, die sie brauchen." (ZEIT 6.11.2009)

"Der Zentralismus der DDR-Schulpolitik wurde zu Recht zusammen mit dem Wehrkundeunterricht entsorgt. Aber jenseits von Agitprop und Repression bot die DDR-Schule einiges, was sich zu retten gelohnt hätte: einen guten Naturwissenschaftsunterricht, die Förderung leistungsstarker Schüler, ohne die Schwachen zurückzulassen, und vor allem: Lehrer, die sich ganz selbstverständlich für die Leistung ihrer Schüler verantwortlich fühlen. (ZEIT 2.10.2010)

PISA - das Kleingedruckte ...

Bei den fast alljährlich neuen Schulleistungsstudien fokussiert die mediale Aufmerksamkeit gerne den Rangplatz Deutschlands im weltweiten Vergleich oder die Rangdifferenzen verschiedener Bundesländer. Beliebt ist dann auch der grobe Rückschluss von unterschiedlichen Rangplätzen auf die Wirksamkeit unterschiedlicher Schulsysteme (Gesamtschule vs. Gegliedertheit). So, als hätte ein Storchennest auf dem Dach etwas damit zu tun, dass sich unter diesem Dach Nachwuchs eingestellt hat. Dabei liefern die begleitenden Befragungen und Untersuchungen viel interessantere Detailbefunde - hier eine kleine Auswahl aus PISA 2006 (E):

# Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erreichtem naturwissenschaftlichem Kompetenzniveau liegt hierzulande innerhalb des OECD-Durchschnittsbereichs, Deutschland ist also keineswegs Spitzenreiter in Sachen Bildungsungerechtigkeit.
# Je größer die Gymnasialquote eines Bundeslandes, desto geringer das in diesem Land erzielte mittlere Kompetenzniveau bzgl. Naturwissenschaften (NW).
# Schüler, deren NW-Unterricht traditionell ausgerichtet ist, erreichten höhere Testleistungen. Die besten Testleistungen erzielen Unterrichtsformen mit "kognitiv focussierten Aktivitäten".
# Schüler, die mindestens 4 Stunden NW-Unterricht erhalten, erreichen im Mittel einen um 74 Punkte höheren Kompetenzwert als Schüler mit weniger als zwei Stunden NW-Unterricht.
# In allen neuen Bundesländern liegt die MH-Quote (Migrationshintergrund) deutlich unter 10%, in fast allen alten Bundesländern bei (teilweise weit) über 20%.
# Sachsen hat den Schülerschwund nicht mit gleichem starken Lehrerabbau beantwortet - hier kommen auf einen Lehrer im Mittel maximal 15 Schüler. Heute hat Sachsen die höchste Stundenzahl in den drei NW-Fächern, und seit dem Schuljahr 2008/09 darf im Abitur keines dieser Fächer mehr abgewählt werden.

Feltens Pädagogische Palette | eltern-lehrer-fragen-info {at} web.de