Feltens Pädagogische Palette

"Fortschritt heißt: falsche Ideen vom Sockel stoßen und 
zu Unrecht gestürzte wieder draufstellen." 

(Denis Diderot, 18. Jh.)

 

Doch nicht alles schlecht, doch nicht alles anders!

John Hatties XXL-Metastudie rehabilitiert bewährte Unterrichtspraktiken - und empfiehlt, sie zu verfeinern ...

Selbst wenn es noch manch' offene Frage gibt und empirische Forschung auch ihre Grenzen hat: Hatties breit angelegter Überblick zu den Einflussfaktoren schulischen Lernerfolgs ist ein Meilenstein in der Geschichte der Unterrichtsforschung - und ein Wendepunkt in der jahrzehntelangen Kontroverse zwischen Bildungsvisionären und Schulpraktikern.

Die Studie "Visible learning" ("Lernen sichtbar machen") bestätigt das verbreitete Unbehagen an unausgegorenen Unterrichtsreformen, rehabilitiert in Verruf geratene Lehr-Lern-Techniken, fordert aber auch zur Weiterentwicklung von Bewährtem auf. Hatties Werk lässt sich als Appell verstehen, im alltäglichen Unterricht "das Wesentliche besser, das Wichtige häufiger, das Sinnvolle tatsächlich zu tun".

Jede Schule sollte 'ihren' Hattie als Nachschlagewerk
im Lehrerzimmer-Regal deponieren, noch besser einen
an seinen Befunden orientierten Pädagogischen Tag
organisieren. Die methodischen wie pädagogischen Konsequenzen können den Lernerfolg von Schülern
wie auch die Berufszufriedenheit von Lehrkräften
unmittelbar enorm steigern.


► "Lernwirksamkeit statt Methodenkirmes" - Unterrichten im Jahre 4 nach Hattie

      mein Basisartikel: eine ganz normale Mathestunde ("Pädagogik" 1/2014)

►  "Was bedeutet die Hattie-Studie eigentlich für den gemeinen Lehrer?"

      meine Kurzanleitung für Guten Unterricht (bildung aktuell 3/2015)

►  "Nur Lernbegleiter? Unsinn, Lehrer! Lob der Unterrichtslenkung"

      mein Kurzbrevier für forschungsbasiertes Unterrichten (Cornelsen 2016)

►  "Zwischen Spreu und Weizen trennen"

      meine kritische Prüfung von Maßnahmen der Lehrerweiterbildung (FAZ 10/2018)


Noch keinen Hattie-Fortbildungstag gehabt?
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Hattie (zunächst 2009, dt. 2013) hat - auf einer bislang einmaligen Datenbreite - die Effektstärke von 138 Einflussfaktoren auf den Lernerfolg miteinander verglichen (erweiterte Liste von 2017 mit über 250 Faktoren hier) [fortgeschriebene Liste von 12/2019 mit über 300 Faktoren hier]. Dabei wurde stärker als bislang deutlich, welche Einflüsse auf den Unterricht wirkungsstark, nur moderat wirksam oder gar kontraproduktiv sind. Die Fülle von Hatties Einzelbefunden lässt sich in wenigen Kernaussagen bilanzieren:

(I) Auf die Lehrer kommt es an!
Lernerfolg hängt primär vom Handeln und den Einstellungen der Lehrpersonen ab, weniger von schulischen Strukturen!

(II) Viele Wege führen nach Rom, aber nicht alle.
Besonders lerneffektiv sind tiefenwirksame Unterrichtsmethoden - dazu gehören insbesondere kognitiv aktivierende Arbeitsformen, oftmals verbunden mit hochgradiger und individualisierender Lehrersteuerung.

(III) Feedback bringt's!
Je klarer den Schülern die Intentionen des Lehrers und je deutlicher dem Lehrer der Lernstatus der Schüler, desto größer der mögliche Lernfortschritt.

(IV) Die pädagogische Beziehung macht's!
Lernerfolg wird stark beeinflusst von der emotionalen Dimension des Lehrer-Schüler-Verhältnisses.

(V) Digitales ist wichtig - aber erschließt keine neue Dimension des Lernens.
Im Vergleich zur mittleren Lernprogression von Schülern bleiben die Lerneffekte durch Digitalisierung (mit Ausnahmen) leicht unterdurchschnittlich. Details

Auch aus dem sonderpädagogischen Bereich werden Hatties Befunde unterstrichen. So zählt in David Mitchells Metastudie (2009) zu den wirkungsmächtigsten Unterrichtsstrategien: angenehmes und motivierendes Klassenklima, lerntheoretisch fundierte Verhaltensmodifikation sowie Direkte Instruktion und Lehrerfeedback. Details

Hatties Lehrerbild beinhaltet - so bilanziert Terhart (2011) - "eine Absage an eine naiv- oder pseudokonstruktivistische Ausrichtung des Lehrerbewusstseins, das sich eher in der Beobachter- als in der Aktivatorrolle gefällt. Durch dieses aktive, herausfordernde Lehrerbild rehabilitiert Hattie den dominanten, redenden Lehrer - der aber ebenso auch genau weiß, wann er zurücktreten und schweigen muss. Die Perspektive auf den Unterricht ist: lehrerzentriert. Im Zentrum steht ein Lehrer, für den allerdings seine Schüler im Zentrum stehen. Er muss ihr Lernen sehen können, um sein Lehren daran orientieren zu können."


Gewinner und Verlierer ?

Als besonders wirkungsmächtig (und durch die Schule beeinflussbar) haben sich in der weltweiten Forschungsbilanz erwiesen : das Vorwissen der Schüler, die Strukturiertheit und Regelklarheit der Klassenführung, das Unterrichtsklima und die Lehrer-Schüler-Beziehung, Ausmaß und Vielfalt an aktivierenden Lernstrategien, genügend Übung und regelmäßige Fachdiskussionen im Klassenplenum, die Existenz spezieller Fördermaterialien und -programme für schwächere wie stärkere Schüler, sowie vielfältige Feedback-Maßnahmen.

Als einflussarm dürfen demnach strukturelle Größen gelten, etwa Nichtversetzung, Klassengröße, Lerngruppen- homogenität und Selbständigkeit der Schule. Das Gleiche gilt für methodische Aspekte wie offene Arbeitsformen, jahrgangsübergreifenden Unterricht, problemorientiertes Lernen, team teaching oder Individualisierung. Hausaufgaben wirken nicht per se effektiv - wohl aber, wenn sie didaktisch angemessen eingebettet sind.

Als einflussreich hat sich auch eine systematische Elternarbeit der Schule erwiesen, insbesondere im Hinblick auf bildungsfernere Familien: etwa zu mehr Aufmerksamkeit für alles Schulische und zu einer bejahenden Haltung gegenüber den Anforderungen und Belastungen des Lernens anregen; oder der verbreiteten Erziehungsunsicherheit entgegenwirken (etwa durch regelmäßige pädagogische Rundbriefe, durch großzügige Elternsprechzeit, durch Patenmodelle für die schwierigen Pubertätsjahre, durch regelmäßige Elternkurse).

In einem Punkt geht Hattie über bekannte Basisdimensionen guten Lehrerhandelns ...
(strukturierte, klare und störungspräventive Unterrichtsführung; unterstützendes, schülerorientiertes Sozialklima; kognitive Aktivierung)
... hinaus und plädiert für mehr evaluationsorientiertes Lehrerhandeln. Das meint aber weder häufigere benotete und korrekturaufwändige Klassenarbeiten noch weitere teure Ländererhebungen, sondern:
► für die einzelne Lehrperson: intensivere individuelle Lernstandsrückmeldung und Selbsteinschätzung der Schüler, regelmäßige Mini-Selbst-Tests (Felten, nach Wellenreuther), gegenseitige freiwillige Lehrerhospitation.
► auf gesamt-schulischer Ebene: kollegialer Austausch und kriteriengeleitete Reflexion über Unterricht (inkl. Hospitationen etwa mit Werkzeugen wie EMU, vgl. www.unterrichtsdiagnostik.info )


Links zur Hattie-Studie:

# prägnante Kurzdarstellung von Anlage und Befunden der Studie durch Unterrichtsforscher O. Köller

# Interview zur Bedeutung Hatties für die Schulpädagogik durch Unterrichtsforscher A. Helmke

# Foliensatz "Von der Hattie-Studie zu Handlungsstrategien für den Unterrichtsalltag" (A. Helmke)

# interessante Detailerkundungen des forschungskundigen Schulpraktikers R. Walcher

# zur Weiterentwicklung der Hattie-Kriterien Aufsatz von Beywl & Strasser (2017)


Wichtige deutschsprachige Artikel zur Hattie-Studie:

# Terhart, Ewald. Hat John Hattie tatsächlich den Heiligen Gral der Schul- und Unterrichtsforschung gefunden? Eine Auseinandersetzung mit Visible Learning. In: E. Keiner, E. u. a. (Hrsg.): Metamorphosen der Bildung. Historie, Empirie, Theorie. Festschrift für Heinz-Elmar Tenorth. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011. (S. 277-292)

# Steffens, Ulrich und Höfer, Dieter: "What works best?" Zentrale Befunde zur Unterrichtsqualität. In: Schulverwaltung Spezial NRW 4/2011, S. 8 - 10

# Wellenreuther, Martin: zahlreiche jüngere forschungsbasierte Aufsätze zu umstrittenen Aspekten der Unterrichtsmethodik wie Gruppenarbeit oder Hausaufgaben finden sich hier

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